Bikes & Szene

Kolumne: Berichterstattung in Zeiten von Social-Media – eine Frage der (eigenen) Ehre bzw. Ethik

Lange war es nun ruhig hier. Aber auch ich kann mich nicht frei machen von den Dingen, die einem bei all den schlechten Nachrichten, Todesfällen und auch dem Attentat in Manchester der letzten Woche so durch den Kopf schießen und einen eben nicht „frei“ und humorvoll am nächsten Text zu einer Randsportart schreiben lassen. Schreiben ist Kopfsache – zumindest bei mir – und ich schreibe auch lieber „Positives“ als über negative Dinge schreiben zu müssen.

Eigentlich habe ich diesen Text schon vor längerer Zeit angefangen, nach dem heftigen Unfall von Marvin Fritz in Assen und meiner Wut danach, die aber durch meine massiven Sorgen um Marvin in den ersten Stunden überdeckt wurde. Wut über die ganzen Berichte, Fake-News, Gerüchte und zutiefst ekelhaften „Fans“, die 15 Minuten nach dem Unfall schon „wieso gibt es keine Infos zum Zustand“ im Netz skandierten oder gar ihre eigenen Handy-Slowmotion-Videos von dem heftigen Crash online stellten – eben ohne zu wissen, ob es dem Fahrer gut geht oder er eventuell sogar um sein Leben kämpft.

Nur die rechten Worte, bei all den vielen Gedanken, wollten und wollen mir immer noch nicht einfallen. Ich kann und will keinen „erhobenen Zeigefinger“ hier veröffentlichen, ich bin ja nicht eure moralische Instanz. Und ich werde die Menschen, die sich mittlerweile sensationsgeil und mit Handy bewaffnet „gaffend“ sogar ihre Plastikstühle schnappen, um dann um eine Unfallstelle herum zu sitzen, dabei sowohl Retter wie Einsatzkräfte behindern und Opfer mit ihrem Verhalten auf’s Übelste verhöhnen, eh nicht erreichen. Will ich irgendwie auch gar nicht. Solch ein Abschaum – und ein anderes Wort gibt es für solche Lebewesen nicht – liest hier hoffentlich erst gar nicht bzw. ist auf all meinen Seiten einfach unerwünscht!

Aber die letzte Woche hat – zumindest mir – wieder einmal eindrücklich gezeigt, wie „krank“ unsere Welt tatsächlich ist, wie empathie- und sprichwörtlich anstandslos unsere Gesellschaft in großen Teilen geworden ist. Das Internet und allen voran die sogenannten „sozialen Medien“, die ich eher als asoziale Medien bezeichnen würde, haben uns, unsere Gesellschaft und auch das Nachrichtenwesen verändert – leider nicht zum Vorteil…

Der schlimme Unfall von Nicky war auch da wieder ein „gutes“, eher schockierendes Beispiel.
Natürlich ist es für jeden von uns, der sich für den Motorsport interessiert und für den Nicky ggf. ein Vorbild, ein Held, ein Idol oder eben einfach ein „Kumpel“ aus dem Paddock war „gut“, dass wir über verschiedene Informationskanäle zeitnah über seinen Unfall informiert wurden. Wobei es dafür – eigentlich – gar keinen Grund gibt oder gab! Auch „öffentliche Personen“ haben ein Recht auf Privatsphäre. Die Nachricht vom Unfall war als solche natürlich relevant und somit auch von öffentlichem Interesse – wie bei Michael Schumacher zum Beispiel. Aber wie es einem Menschen geht, wie sein Gesundheitszustand ist, sein „Krankheitsbild“ usw., das geht „uns“ als Öffentlichkeit nichts an bzw. es ist die ganz persönliche und individuelle Entscheidung der Person selber, oder ihrer Angehörigen, etwas darüber zu sagen oder eben auch nicht! Auch heute noch (3 Jahre danach) erscheinen Artikel, die über den Zustand von Schumi spekulieren – obwohl es da nichts zu spekulieren und auch kein Recht auf öffentliche Auskunft gibt.

Bei Marvins Unfall habe ich 3 Stunden danach auf einer niederländischen News-Seite einen Bericht von „schlimmsten Kopfverletzungen“ gefunden! Was mich natürlich sehr besorgt hat, denn ich kenne Marvin eben persönlich und gut aus der IDM. Was aber (zu dem Zeitpunkt, wie auch im Nachhinein) absolut frei erfunden & erlogen war, denn es gab keine offizielle Meldung zu seinem Zustand (wie auch, ohne die nötige Zeit für entsprechende Untersuchungen abzuwarten?!?). Einfach um das große Interesse zu dem Zeitpunkt in Klicks und damit in bare Münze (durch Werbeeinnahmen!) umzuwandeln.

Gleiches bei Nicky: hier wurden Todesmeldungen schon zwei Tage vor seinem tragischen Tod gepostet. In den letzten 2 Tagen tauchen auf Facebook gesponserte Anzeigen (!!!) von T-Shirt Vertreibern auf, die – illegal – „Nicky Memorial T-Shirts“ verkaufen und damit ihren Reibach aus dem Tod dieses wunderbaren Rennfahrers ziehen wollen (erschreckenderweise von Fans auch noch geteilt oder mit „muss ich mir kaufen“ o.ä.. kommentiert – da setzt mein Verständnis dann komplett aus). Sogar „Fundraising“-Kampagnen gibt es von Trittbrettfahrern!

Thanks everyone for your outpouring support during this difficult time.Sadly enough there is some fake donations…

Posted by Nicky Hayden- The Kentucky Kid on Donnerstag, 25. Mai 2017

Medienseiten – leider auch deutschsprachige – überschlugen sich am Tage des Todes sowie an den Folgetagen mit Kurzmeldungen à la heftig.co, bei denen sie jede wirklich offizielle Stellungnahme z.B. von Fahrerkollegen, Team, Dorna oder auch Familie, mit einer auf Klicks optimierten Überschrift („jetzt bricht der Bruder sein Schweigen“ o.ä.) auf ihren Seiten zitierten und eben über die sozialen Netzwerke einfach nur Klicks generierten.

Ganz ehrlich: mich widert so etwas an!

Das sind die Momente, in denen ich mir nur wünsche, dass die Betroffenen und Hinterbliebenen – wenn sie sich halbwegs wieder gesammelt und den furchtbaren Schmerz des Verlustes einer geliebten Person irgendwie verarbeitet haben – all dies „beweiskräftig“ sammeln und diese Trittbrettfahrer und Klick- oder Like-geilen Schweine so heftig verklagen, das diese in den nächsten 20 Jahren kein Land mehr sehen. Und dies bezieht sich eben nicht nur auf den Motorsport, auf Personen die an / auf der Rennstrecke (und nur dort!) als „öffentliche Personen“ bezeichnet werden können. Es bezieht sich auch auf all die täglichen Opfer im Straßenverkehr, die von dieser Entwicklung betroffen sind. Auf die Opfer und deren Hinterbliebenen in Manchester, die gerade damit konfrontiert sind, dass ein ekelhaftes Schmierblatt sogar forensische Fotos vom Tatort veröffentlicht um damit Reichweite, Auflage und eben einfach nur den Gewinn zu steigern.

Bitte beteiligt euch nie an so etwas, teilt und verbreitet solche Dinge nicht und achtet einfach die Privatsphäre, die ihr selber – im Falle eines Unfalls – sicherlich auch für euch gern hättet!
Die einzigen offiziellen Kanäle für Informationen sind die Angehörigen oder deren Repräsentanten (was z.B. der Pressesprecher eines Teams, eines Veranstalters oder einer Rennserie sein kann – aber nicht zwingend sein muss!).

Ein letzter (Ab-)Satz

Ich hatte überlegt, ob ich hier ggf. auch noch ein paar rechtliche Hinweise hinzufüge. Also „was darf ich? / was darf ich nicht?“ usw. Aber das würde den Rahmen hier sprengen und den Artikel noch länger machen, als er eh schon ist. Sollte es daran Interesse geben, schreibt es mir einfach kurz in die Kommentare hier – dann liefere ich einen solchen Artikel nach!

Eines kann ich euch aber sagen:

Ihr dürft NIE – egal wo aufgenommen / wie entstanden – Bilder, Videos usw. posten bzw. veröffentlichen, die die Privatsphäre anderer Personen verletzen (also wo Menschen erkennbar sind, die euch nicht die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben haben!) oder die z.B. bei Events wie Konzerten, Rennen usw. entstanden sind (dort verletzt ihr die Rechte des Künstlers/Veranstalters sowie ebenfalls der zu erkennenden Personen!).

Lasst eure Smartphones einfach in der Tasche stecken! Schaut nicht 30, 50 oder gar 90% des Events, für das ihr Eintritt bezahlt habt, auf einem 3, 4 oder 5“ großen „Bildschirm“. Ihr beraubt euch am Ende nur selber dem echten & realen Erlebnis und ihr dürft – wie gesagt – so etwas nachher eh nicht veröffentlichen…

Über den Autor

Andreas Weinand

Kommunikationswirt & Fotograf mit einem Hang zu Pixelschubserei und Buchstabenverdrehung. Als Quelltextversteher auch für die Technik hier verantwortlich. Seit 2013 vermehrt im Paddock und an Strecken nationaler wie internationaler Rennserien als Motorsportfotograf anzutreffen.

2 Kommentare

    • In meiner/n Timeline/s – also z.B. als Freunde – tauchen solche Menschen glücklicherweise nicht auf. Allerdings würde ich gerade da dann eher auch den „Dialog“ und die Diskussion suchen, anstatt sie zu blocken.
      Auffällig und mit ausschlaggebend für diesen Artikel war das „allgemeine“ Verhalten, welches ich u.a. in Kommentaren z.B. bei der offiziellen WSBK-Fanseite, bei Online-Magazinen und ähnlichem gefunden habe / lesen musste. Und wenn ich all die Kommentatoren blocke, verdränge ich ja nur das Problem bzw. „blende es aus“.
      Damit sich aber etwas ändert, müssen wir es konkret benennen und eben auch die Diskussion mit den entsprechenden Personen suchen (oder sie z.B. auch über Abläufe an / abseits der Strecke aufklären, die mit einem Unfall der heftigeren Art einhergehen).
      Auch wenn dies wohl der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen bleibt…

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