Endurance WM

24h von Le Mans 2017 – eine Geschichte von Freud, Leid, Elend und Mythos…

Am vergangenen Wochenende fanden in Le Mans wieder die „24 Heures Motos“ – also das 24 Stunden Rennen für Motorräder im Rahmen der FIM-EWC Saison 2016/2017 – statt. Und wieder einmal zeigte sich, wie nah doch Freud & Leid im Endurance-Rennsport beieinander liegen, das solch ein Rennen erst mit der Zielflagge gewonnen ist und was den „Mythos Le Mans“ ausmacht.

Beginnen wir mit dem Mythos Le Mans – und zerstören ihn erst einmal…

Auch wenn (gefühlt) 99,9% aller motorsportbegeisterten Menschen die 24 Stunden von Le Mans kennen, so haben sie bei den Motorradfahrern weder eine lange Tradition noch steht der Mythos Le Mans mit den Motorrädern in Verbindung.
Es sind die Automobilrennen, die seit 1923 auf dem Circuit des 24 Heures südlich von Le Mans ausgetragen werden, die lange Strecke, die größtenteils aus öffentlichen Landstraßen besteht, die unfassbar lange Hunaudieres-Gerade, die in früheren Zeiten mit über 400 km/h befahren wurde, sowie der katastrophale und größte Rennsportunfall aller Zeiten aus dem Jahr 1955, bei dem 84 Menschen ihr Leben lassen mussten, die diesen Mythos hervorgebracht haben.
Für uns Zweirad-Enthusiasten ist der seit 1922 ausgetragene Bol d’Or das Traditionsrennen schlechthin. Aus ihm ist im Jahr 1978 – nachdem der Bol d’or 1977 zum letzten Male auf dem Circuit Bugatti in Le Mans ausgetragen wurde und dann zum Circuit Paul Ricard umzog – auch das 24 Heures Motos in Le Mans quasi „geboren“.

Aber wie das mit Mythen so ist, sie färben ab. So ist es auch bei Le Mans, weshalb auch für das 24h Motorradrennen gilt: Ein normales WM Rennen hat 3 „Gewinner“ auf dem Podium, eine WM-Saison kennt Weltmeister und Vizeweltmeister. Alles großartige Leistungen und tolle Erfolge in einem Rennfahrer-Leben, die allerdings irgendwann wieder verblassen.
„Le Mans-Sieger“ hingegen wird immer nur einer bzw. ein Team (auch wenn noch 2 weitere auf dem Podium stehen) und den Titel trägt man – ähnlich wie Olympiasieger – sein Leben lang stolz mit sich.

Wahrscheinlich ist es genau dieses Bewusstsein um den Titel, welches Jahr für Jahr für unfassbare Spannung, übermenschliche Leistungen und vollen Einsatz (auch über die physischen Grenzen hinaus) bei Fahrern & Teams sorgt und der – manchmal – eben auch den Zweitplatzierten nach 24h aussehen lässt, als hätte er die Zielflagge quasi nicht gesehen und wäre ausgeschieden. So auch in diesem Jahr – aber dazu später mehr…

Widmen wir uns den deutschsprachigen Fahrern und Teams, die dieses Jahr am Start waren.

Mit den vier deutschen Teams #48 Voelpker NRT48 Schubert-Motors by ERC, #56 GERT56 by RS Speedbikes, #65 Motobox Kremer sowie #99 WSB-Endurance Team, den zwei schweizer Teams #8 Bolliger Team Switzerland und #26 Zuff Racing sowie dem österreichischen Team #7 YART Yamaha Austria Racing Team fanden sich immerhin 7 DACH-Teams im 59 Teams umfassenden Starterfeld. Dazu noch einige deutsche Fahrer sowie bekannte Gesichter aus der Superbike*IDM, die in anderen Teams am Start waren.
Leider hatten einige von ihnen im Rennen dann wenig Glück (bis hin zu massivem Pech) und so fanden sich am Schluss mit den Teams #8 Bolliger (Elektronikprobleme), #99 WSB-Endurance (kapitaler Motorschaden) sowie #48 Voelpker NRT (Sturz und Schlüsselbeinbruch bei Stefan Kerschbaumer) auch drei der Teams auf der „Retired“-Liste.

#56 GERT56 (Gesamt 24. und 11. in der SST-Klasse) sowie #65 Motobox Kremer (Gesamt 21. und 12. in der EWC-Klasse) verpassten trotz kleinerer Stürze und technischen Pannen am Ende jeweils nur knapp die Top10 in ihren Klassen, #26 Zuff Racing belegte eine tollen Platz 6 in der SST Wertung und wurde Gesamt 15.

Noch besser lief es bei #7 YART und den weiteren Fahrern aus der Superbike*IDM – auch wenn es beim YART-Team ganz am Ende die oben erwähnten „langen Gesichter“ gab*. Das Team mit Marvin Fritz, Broc Parkes, Kohta Nozane und Max Neukirchner als Ersatzfahrer führte das Rennen über mehr als 620 Runden lang an. Immer mit einem Vorsprung von 20-40 Sekunden vor dem Schwesterteam aus dem Hause Yamaha, dem Team #94 GMT94. Erst in der 21. Stunde übernahm das Team bestehend aus David Checa, Niccolo Canepa und Mike die Meglio die Führung und ließ sich diese auch bis zur Zielflagge nicht mehr nehmen. Am Ende lagen 19 Sekunden (!!!) zwischen dem Erst- und Zweitplatzierten – ein echtes 24h Sprintrennen… Dritter in der EWC-Klasse wurde die #11 SRC Kawasaki, die mit Mathieu Gines den Superstock1000*IDM Meister aus der Saison 2015 als Fahrer dabei hatten (neben Randy de Puniet und Fabien Forét).

In der Stock-Kategorie schaffte es Robin Mulhauser als „bester Schweizer“ auf Platz 2 mit seinen Fahrerkollegen Alexis Masbou und Hugo Clere im Team #96 Moto AIN CRT. Den Sieg fuhren die französischen Rotweinliebhaber vom Tati Team Beaujolais Racing mit Julien Enjolras, Dylan Buisson und Kevin Denis ein. Mit Bastien Mackels und Florian Alt (sowie Axel Maurin) vom Team #333 Yamaha Viltais standen noch zwei weitere Fahrer aus der Superbike*IDM als Drittplatzierte mit auf dem Podium.

* ) Nach 24 Stunden mit nur 19 Sekunden Rückstand zu verlieren, ist sicherlich „bedrückend“. Für den wahren Ärger sorgte allerdings die Tatsache, dass Mike di Meglio bei seiner Aufholjagd einen zu überrundenden Fahrer sprichwörtlich abgeschossen hat. Ich habe mir die Szene noch mehrfach nachträglich angeschaut und kann mir nicht erklären, wieso das Team nicht mit einer Stop-and-Go Penalty für dieses Manöver bestraft wurde. Es hätte sehr wahrscheinlich – auch wenn es mit 19 Sekunden Abstand anders klingt – nichts am Ausgang des Rennens geändert, denn GMT hat in den letzten Runden etwas das Tempo herausgenommen und führte zwischenzeitlich mit mehr Vorsprung als durch eine solche Strafe an Zeit verloren gegangen wäre. Aber das „hätte, wäre, würde“-Spiel kann / darf man hier wohl nicht spielen. Die Aktion war  – meines Erachtens nach – über der Schmerzgrenze zu einem normalen Rennunfall.
Ich bin dennoch der Meinung, dass die gesamte YART-Truppe (inklusive Max Neukirchner) einen phantastischen Job gemacht hat und freue mich riesig für Marvin, der sein erstes 24h-Rennen direkt mit einem solchen Erfolg und ohne Fehler beenden konnte!

Hier die Top10-Teams aus EWC & SST in der Übersicht

Pos.Nr.Team EWCNr.Team SST
194GMT94 Yamaha4Tati Team Beaujolais Racing
27YART Yamaha Austria Racing Team96Moto AIN CRT
311Team SRC Kawasaki333Yamaha Viltais Experience
41SERT Suzuki Endurance Racing Team3AM Moto Racing Competition
55F.C.C. TSR Honda57DL Moto Racing
614Maco Racing Team26Zuff Racing Team
7111Honda Endurance Racing18Team 18 Sapeurs Pompiers
810EVA T Webike Trick Star44No Limits Motor Team
941Rac 4127Creo TRT27 Bazar 2 la Becane
102Team R2CL-MKS-Partelya114Motos Actives Sport 14

Quellen Fotos: Yamaha Racing, Suzuki Racing, Honda Pro-Racing – Fotografen: Jonathan Godin, David Reygondeau & Jean-Francois Muguet

Über den Autor

Andreas Weinand

Kommunikationswirt & Fotograf mit einem Hang zu Pixelschubserei und Buchstabenverdrehung. Als Quelltextversteher auch für die Technik hier verantwortlich. Seit 2013 vermehrt im Paddock und an Strecken nationaler wie internationaler Rennserien als Motorsportfotograf anzutreffen.

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