IDM Superbike

„Clockwork white-blue“ – Zahlenspiele zum Uhrwerk Reiti21 und zur IDM in Zolder

Das sprichwörtliche "Uhrwerk" in der IDM: Markus Reiterberger | © FW-Fotografie & Design // Felix Wiessmann

Lange habe ich überlegt, ob bzw. was ich hier überhaupt über die Rennen der IDM Superbike 1000 im belgischen Zolder schreiben soll. Kurze „Rennberichte“ bzw. Zusammenfassungen des Geschehens gab es sehr zeitnah von mir bei Moto-Maniac.News auf Facebook (liken & abonnieren!) zu lesen. Längere Berichte, die alle das Gleiche beschreiben und sich in der „Reiti fährt in eigener Liga“-Aussage gern übertreffen, gab es Sonntagabend und Montag auch schon zuhauf.

Wieso also noch einen Artikel dazu schreiben, wenn die Inhalte eh (nahezu) identisch wären und es nicht Neues zu lesen gäbe? „Reiti gewinnt in Zolder zweimal recht deutlich vor Danny, an P3 kommt beide Male Steff ins Ziel“ – fäädisch, wie der Kölner zu sagen pflegt. 😉

Genau, bringt nix, also lasse ich das auch. Da ich aber die Rennen in Zolder per LiveTiming verfolgt habe, ich Rennen anhand von Zeitenlisten analysiere bzw. „lese“, ich auch die Rennen aus den letzten Jahren kenne bzw. dank der alten Superbike*IDM-Webseite (die bitte, bitte niemals abgeschaltet wird!) auch auf ein Datenarchiv zugreifen kann, möchte ich euch heute einmal mit ein paar Zahlen und meiner Interpretation „unterhalten“.

Stellen wir die Fragen aller Fragen

Ist Reiti wirklich „in einer anderen Liga“ und somit unschlagbar in diesem Jahr? Steht der IDM Superbike Meister schon fest und die Serie mutiert zur „Reiterberger IDM“?

Hierauf von mir ein klares „JAIN“!

 

1. Warum das Nein im „Jain“?

Das Rennergebnis vom 2. Rennen am Nürburgring hat die Sichtweise von einigen massiv verfälscht. „Reiterberger kommt mit über 25 Sekunden Vorsprung ins Ziel“ – na klar ist das ne eigene Liga, fast schon ein eigenes Universum.
Aber man vergisst dabei, dass die ärgsten Konkurrenten beim Saisonauftakt – nämlich Danny de Boer, Florian Alt und Bastien Mackels – zu dem Zeitpunkt schon längst gestürzt bzw. ausgeschieden waren. Der Sieger im Regenrennen 1 hieß Danny de Boer, der – mit reichlich Abstand – Schnellste im Regen war Bastien Mackels, leider hat er es aber mit gefühlten 110% Einsatz etwas übertrieben.

Für die Top-Fahrer auf Honda & Suzuki war der Nürburgring sogar das erste Roll-Out unter Rennbedingungen. Beide Marken bzw. die Teams, die diese neuen Motorräder einsetzen, befinden sich selbst jetzt – nach Zolder – noch in der „Entwicklungsphase“, während Van Zon-Remeha-BMW und auch Yamaha MGM auf bewährtes und technisch bekanntes sowie ausgereiftes Material setzen können. Natürlich entwickeln und optimieren alle Teams permanent weiter – gerade MGM wird hier mit Dunlop noch einiges an Entwicklungsarbeit hinlegen – aber die größten Schritte werden die anderen Marken in diesem Jahr noch machen können (oder – am Beispiel von Jan Halbich und der HRP Blade – sie haben schon unfassbare Schritte in Zolder gemacht!).

Im Qualifying, wie auch in Rennen 1, trennten Reiti und Danny 0,35 Sekunden bei ihren schnellsten Rundenzeiten. Das ist – sorry dafür – keine andere Liga. Es ist klar, es ist kein „Wimpernschlag“ – aber es ist dennoch völlig normal, in allen anderen Top-Serien auch so „üblich“ bzw. Standard. Jonny Rea trennten in Assen bei den jeweils schnellsten Rundenzeiten (allesamt in der Superpole gefahren) 0,2 bzw. 0,77 Sekunden von Tom Sykes und Chaz Davies. In Imola waren es 0,31 Sek. die Chaz vor Rea lag – sind das „unterschiedliche Ligen“?!

Dazu sollte man auch noch bedenken, dass Reiti seit 2011 durchgehend auf der BMW S1000RR sitzt und – bis auf das eine Jahr mit Althea – auch immer im Team Van Zon beheimatet war. Danny hingegen fuhr in seiner ebenfalls beachtlichen Karriere bisher Honda & Yamaha, ist neu im Team. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich bei den nächsten Rennen noch weiter steigern kann & wird.

Der Vorsprung am Ende des Rennens war nicht „übertrieben“ groß bzw. ungewöhnlich für Zolder. Zwar haben wir leider in beiden Rennen nicht die komplette Distanz gesehen, aber man kann ja grob hochrechnen oder eben einfach vergleichen. In Rennen 1 trennten Reiti nach 12 gewerteten Runden 12,89 Sekunden von Danny – in Rennen 2 waren es nach 13 Runden 10,5 Sekunden. Das ist zwar „klar“, aber eben nicht ungewöhnlich.

  • 2014 kam Reiti in Rennen 1 nach 17 Runden mit 21,9 Sek. Rückstand auf Forés als 3. ins Ziel (und konnte ihn dennoch später in der Saison noch schlagen).
  • 2015 fuhr Reiti in Rennen 2 als Erster über die Ziellinie und hatte auf Lanzi & Forés (P2 & P3) sagenhafte 26,5 bzw. 26,7 Sek. Vorsprung.
  • 2016 holte Marvin Fritz den Sieg in Rennen 2 mit 15 Sek. Vorsprung auf Jan Halbich…

Also 10, 15 oder auch 20 Sekunden sind nichts, was es in Zolder nicht schon gegeben hätte. 

Ein letzter, kleiner Hinweis: Das FP3 der IDM Superbike 1000 fand in Zolder unter „Mischbedingungen“ bzw. auf abtrocknender, aber eben noch teilweise leicht feuchter Piste statt. Fast das gesamte Feld der IDM hat lange, ganz laaaaange gewartet, bevor sie ca. 10 min. vor Schluss dann doch noch raus sind und Zeiten gesetzt haben.
Jan Halbich auf P1 – Markus Reiterberger mit 2 Sekunden Abstand auf P7.
Hat natürlich wenig bis keine Aussagekraft, aber wir werden auch in dieser Saison nicht nur Rennen unter optimalen Bedingungen sehen – siehe Nürburgring und Rennen 1…

2. Warum das Ja im „Jain“?

1:32 .0 | .2 | .3 | .5 | .5 | .4 | .6 | .5 |. 6 | .5 | .6  | .4 | .4 | .7 | .5 | .3 | .7 | .3 | .8

Was anmutet wie die fehlerhafte Auslosung bei Spiel77 sind die 19 „normalen“ Rennrunden von Reiti, die er in den beiden Rennen gefahren ist. Allesamt 1:32er Zeiten und – wenn man die Ausreißer 0 und 8 (Zehntel) unbeachtet lässt – innerhalb von 5 Zehnteln. Er ist also über 19 Runden nahezu die identische Rundenzeit gefahren. Das gelingt im gesamten Feld der IDM sonst derzeit niemandem – und genau das macht ihn so unfassbar gut bzw. überlegen!

Mit jeder Runde – die ersten 3 mal außen vor gelassen – lassen die Rennreifen ein wenig (oder auch mehr, je nach Fahrstil / Motorrad / Bedingungen) nach. Dafür wird mit jeder Runde das Motorrad etwas leichter, schließlich fahren die Dinger – zum Glück – derzeit noch mit Feuer-Puff-Krawall-Stoff im Tank. Diese „gegenläufige“ Entwicklung von -/+ in Einklang zu bringen und damit einen hohe und konstante Pace hinzulegen, gelingt in der IDM derzeit nur Markus Reiterberger – und es ist ein Teil dessen, was ihn wirklich auszeichnet.

Ebenso „identisch“ waren übrigens seine beiden Startrunden – also die erste gezeitete Runde vom stehenden Start weg – die er nach 1:34.89 bzw. 1:34.88 beendete. 1 (in Worten EINE!) Hundertstel Unterschied von Rennen 1 zu Rennen 2.
Im Qualifying hätte diese Zeit für P18 gereicht, noch vor Marc Moser, als „schnellste Rennrunde“ hätten sich in beiden Rennen die Fahrer ab P15/16 über solch eine Zeit in ihren fliegenden Runden gefreut.

Seine jeweilige absolute Bestzeit fuhr Reiti in Runde 2 – natürlich auch in beiden Rennen. Allerdings gelang ihm nur im ersten Rennen die „perfekte Runde“ – sprich seine Rundenbestzeit von 1:31.759 setzte sich auch aus absoluten Bestzeiten in allen drei gemessenen Sektoren zusammen. Das gelang außer ihm nur noch Danny de Boer und Dominik Vincon in Rennen 1 sowie Carl Berthelsen in Rennen 2.
Im zweiten Rennen konnte Reiti sich als einziger Top-Pilot nochmals steigern, aber die 1:31.676 bestand „nur“ aus zwei absoluten Sektorbestzeiten. Die Bestzeit für den Sektor 1 folgte direkt im Anschluss in Runde 3, danach wurde das Tempo etwas geringer. Hätte er auch hier die perfekte Runde hingelegt bzw. addiert man die einzelnen Sektorbestzeiten, dann wäre eine 1:31.464 möglich gewesen. Spinnt man das „in der Theorie“ mal weiter, gibt Reiti die klebrigen Qualifier, die am Nürburgring für ca. 1 Sekunde gut waren, dann… Sein offizieller Rundenrekord mit BMW Superbike aus 2015 liegt bei 1:30.638 – rechnet selber. 😉

Das enorm hohe Anfangstempo und die danach unfassbar konstante und dennoch hohe Race-Pace ist es, was Markus Reiterberger in der IDM derzeit ein Alleinstellungsmerkmal gibt und ihn wirklich „in eine andere Liga“ katapultiert. Aber es ist auch etwas, was insbesondere seine Teamkollegen durchaus von ihm erlernen oder abschauen könn(t)en.
Wäre ich Fahrer oder „zuständiger Techniker“ eines der anderen Van Zon-Fahrer, ich würde mich in die Datenkammer einschließen und Reitis Fahrstil, seine Datenaufzeichnungen und seine Linien studieren. Denn am „Material“ kann es da teamintern nicht liegen, das sollte – innerhalb der technisch möglichen Toleranzen – nahezu identisch sein. Wenn Danny, Jan oder Arnaud ihren Zeitrückstand bei der schnellsten Runde noch etwas runterschrauben, und parallel dazu den Abstand im Rennverlauf ähnlich bzw. einheitlich halten können, dann sehen wir bei den kommenden Rennen keine 20, 15 oder 10 Sekunden mehr an Vorsprung, sondern eben nur noch 16 x 0,5 oder 16 x 0,25 Sekunden, was am Ende spannende 4-8 Sekunden zwischen P1 und P2 sind. Sollte es zu Überholmanövern kommen, mal ein Start nicht 100% glücken, dann wäre der Kampf um P1 auch unter trockenen und optimalen Bedingungen offen! Bei Regen bzw. nassen Bedingungen sieht das Ganze, wie schon geschrieben, sowieso etwas anders aus…
Den Pirelli-Fahrern im Feld zeigt Reitis Renn-Pace, was die Gummis wirklich hergeben können. Wenn also „hatte keinen Grip mehr ab Runde X“ als Aussage kommt, sollte man den Fehler nicht unbedingt beim Reifen suchen.

Zum Schluss, falls es bis hierhin überhaupt jemand gelesen hat, noch drei interessante Zahlen bzw. Vergleiche

0,178 Sekunden beträgt der durchschnittliche Abstand der Fahrer von Platz 1 – 27 in der IDM!
Hier liegen die kumulierten Zeiten aus den beiden Qualifyings zugrunde. Auf P27 hatte Mike Cleutjens 4,632 Sekunden Rückstand auf die Pole-Zeit von Reiti. All die Fahrer dazwischen lagen – vom direkten Abstand zueinander – eben im Zehntelbereich. Es gibt nicht viele Motorrad-Rennserien auf der Welt, wo ein derart großes Feld so „homogen“ beisammen ist. Erst danach tat sich in Zolder eine kleine Lücke auf und es folgte ein Fahrer, der mehr als 1 Sekunde Rückstand zum vor ihm liegenden hatte…

1:33.370 : 1:33.278 und 1:33.451 : 1:33.247 – das ist der direkte Zeitvergleich „Rennen in Zolder“ : „Testtag in Zolder“ von Florian Alt und Bastien Mackels, denen es beiden nicht gelungen ist, die guten Testresultate auch am Rennwochenende zu bestätigen oder gar noch zu toppen.
Am Wetter bzw. den Temperaturen kann es eigentlich nicht gelegen haben, denn an dem freien Testtag an Fronleichnam (15.6.) herrschten in Zolder noch höhere Temperaturen jenseits der 30° Marke. Zwar sind 1 oder 2 Zehntel auch keine Welt, aber insbesondere in den Qualifyings war der Abstand zur eigenen Testzeit noch größer (2 Zehntel bei Flo und 1 Sekunde bei Bastien). Hätten sie ihre Testzeiten im Qualifying bestätigen können, wären Bastien und Flo von P4 und P5 aus gestartet.

Mein persönliches Highlight des Wochenendes:

1:32.861 –  die schnellste Rennrunde von Jan Halbich auf der neuen Honda CBR 1000 RR SP2.

Damit ist Jan, Jens Holzhauer und dem gesamten Team HRP – Holzhauer Racing Promotion etwas gelungen, was kein anderes Team in der IDM bisher geschafft hat: Jan unterbietet auf einem neuen, noch nicht am Leistungspotenzial angekommenen Superstock1000-Motorrad seine bisherige Zolder-Bestzeit von 1:33.215, die er auf der alten Blade, allerdings gemäß Superbike-Reglement – also inklusive aufwändigem und teurem Motortuning – gefahren ist.

Das ist mal ne Ansage!

Warum all diese Zahlenspiele? Nun, Zahlen sind verlässlicher als der subjektive Eindruck an der Strecke! Die IDM Superbike 1000 zeigt sich nach Rennen 4 von 14 eher „spannender“ als langweiliger oder gar „schon entschieden“. Trotz der Überlegenheit von Reit derzeit, ist auch in Hinsicht auf den Meistertitel noch längst nichts entschieden – auch wenn er der Top-Favorit ist & bleibt.
Dahinter präsentiert sich aber ein eng beisammen liegendes Feld, was für reichlich Spannung & Überholmanöver gut ist und locker – wirklich locker – von der Qualität und dem angebotenen Racing, der Action auf der Strecke mit Serien wie der BSB mithalten kann.

Hinterlasst mir gern hier einen Kommentar, ob solche „Analysen“ überhaupt für euch interessant sind bzw. wie ihr das seht! Letztlich mache ich mir ja für euch die Arbeit hier…

Über den Autor

Andreas Weinand

Kommunikationswirt & Fotograf mit einem Hang zu Pixelschubserei und Buchstabenverdrehung. Als Quelltextversteher auch für die Technik hier verantwortlich. Seit 2013 vermehrt im Paddock und an Strecken nationaler wie internationaler Rennserien als Motorsportfotograf anzutreffen.

3 Kommentare

    • Bei Dir war ich mir sicher, dass solch eine „Analyse“ auf Gefallen trifft. 😉
      Für mich ist es immer eine Gratwanderung bzw. ich glaube, dass eine gesunde Mischung nötig ist. Rennsport ist – vor Ort, für Fahrer & Teams – natürlich massiv von Daten und deren Analyse geprägt. Die „Motivation“ für den Sport, für viel hartes Training, reichlich Entbehrungen und wenig Geld auf dem Konto liegt aber bei allen Beteiligten in einer hohen Leidenschaft. Auch die Faszination „nach Außen“ – sprich für Zuschauer & Fans – liegt eher in den verbundenen Emotionen.
      Daher versuche ich hier – und ich hoffe es gelingt mir halbwegs – immer die gesunde Mischung aus Emotion, fachlich fundierten aber durchaus auch mal „lustig“ aufbereiteten Inhalten bzw. Texten zu finden. Mein Bauchgefühl ist auch recht gut – könnte am ausgeprägten Bauch liegen – basiert aber irgendwie auch auf dem vorhandenen (Halb-)Wissen – auch um die „Zahlen“ im Hintergrund. 🙂

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