IDM Superbike

‚From Hero to Zero‘ – über die Schattenseiten im Motorrad-Rennsport

Für den jungen Österreicher Lukas Trautmann hätte die IDM Saison 2017 zu einem weiteren Schritt auf seiner beachtlichen Karriere führen sollen. Am Ende kam es anders… Hier gibt es die Vorgeschichte von Lukas, die Aussichten für 2017 und sehr offene Worte von ihm zu all den Geschehnissen und seiner jetzigen Situation.

+++ Update vom 20.7. 16:20 Uhr +++

Wie die Speedweek am 20.7. um 15:15 vermeldet, wurde Lukas Trautmann seitens der FIM die Lizenz entzogen. Diese Information lag mir zum Zeitpunkt, als ich diesen Artikel geschrieben und am 19.7. veröffentlicht habe, nicht vor.
Ich wünsche Luky aber weiterhin alles Gute – für ihn persönlich, seine Gesundheit und seine weitere Karriere.

Ein erklärendes bzw. einleitendes Vorwort

Die Idee zu diesem Artikel bzw. die erste Version ist kurz nach dem Zolder-Test der IDM Teams (Fronleichnam) entstanden. Beim Test wurde eine MGM Yamaha mit der „alten“ #5 Verkleidung von Lukas Trautmann eingesetzt. Und wenn der Wunsch der Vater des Gedanken ist, dann hatte ich hier – insgeheim – wohl gehofft, dass Luky evtl. zu seinem Team aus 2016 zurückkehren könnte und wir ihn so eben doch noch in der IDM 2017 fahren sehen würden. Aber „hätte, hätte, Mopedkette“… dem war bzw. ist nicht so.

Dann hat zwischenzeitlich die Speedweek auch einen Artikel über Lukas gebracht, bei dem all die Dinge aufgeführt wurden, die ich auch als „Rückblick“ bzw. „Start in die Saison 2017“ zusammen getragen hatte – also war mein Artikel damit verbrannt bzw. hinfällig.

Am letzten Wochenende kam es in der IDM dann aber – recht überraschend – zu einem weiteren Fahrerwechsel. Am Samstag vermeldete ebenfalls die Speedweek, dass im Team Kawasaki Schnock nach „gemeinsamer Entscheidung“ der bisher glücklose Romain Maitre ab Schleiz durch Lucy Glöckner ersetzt werden solle. Etwas, was mich durchaus gefreut hat, denn ich finde Lucy gehört in die IDM und ist eine Bereicherung für die Serie. Was dann weniger erfreute, war das Statement von Romain am Sonntag über seine Facebook-Seite.

Bon !! La saison 2017 continue à me filer entre les pattes. C'est avec un grand regret et une grande colère que je vous…

Posted by Romain Maitre on Samstag, 15. Juli 2017

Denn „gemeinsam“ war wohl nur auf die Entscheider im Team bezogen, nicht auf den Fahrer, der von dieser Trennung selber aus dem o.a. Speedweek-Artikel erfahren musste. Eine wohl unglückliche Verkettung diverser Umstände – auch da klärt Esther bei der Speedweek in einem Artikel auf – aber leider doch nichts ungewöhnliches in diesem Sport.

Es steht mir nicht zu – trotz etwas „Einblick“ hinter die Kulissen – über Fahrerwechsel und Hintergründe bei gewissen Entscheidungen zu urteilen. Das möchte ich auch mit diesem Artikel hier nicht!

Aber neben vielen „Unwahrheiten“, die bei manchem Außenstehenden so mit dem Mythos „Rennfahrer“ einhergehen (üppige Gehälter, Luxusleben in den Hotels der Welt, den ganzen Tag „nur das machen, was man liebt“ – sprich Moped fahren usw.) zeigt dieses Beispiel und auch das von Lukas, wie schnell die eigene Karriere durch „(un-)gewisse Umstände“ ganz, ganz plötzlich einen kleinen oder auch großen Knacks erhalten kann.
Weitere Beispiele finden sich zuhauf – über alle Rennserien der Welt und in nahezu allen Klassen des semi- bis professionellen Motorsports. Selbst die Rückkehr von Reiti in die IDM ist in gewissem Maße solchen, vom Fahrer (bei allem Talent & Einsatz) nicht zu beeinflussenden Umständen zu „verdanken“… Einem Anthony West mangelt es auch ganz sicher nicht am Talent – und die Liste mit Namen wäre fast beliebig zu verlängern…

Deshalb veröffentliche ich den Artikel zu Luky hier jetzt doch noch. Dankenswerterweise hat er mir auch ein paar Fragen beantwortet, mit denen er uns einen sehr seltenen Einblick auch in die „Gefühlswelt“ eines erfolgreichen, jungen Fahrers gibt, dessen Saison plötzlich ganz anders verläuft, als es noch vor 3-4 Monaten den Anschein hatte…

Lukas Trautmann in der IDM

Lukas Trautmann war in den letzten 3 Jahren einer der Überflieger im Rahmen der IDM.
2014 gewann er souverän und mit der maximalen Ausbeute von 8 Siegen in 8 Rennen den Yamaha R6 Dunlop Cup. Als erster & einziger Fahrer in der nunmehr 40-jährigen Geschichte des Cups, denn auch in diesem Jahr kann dies kein Fahrer dort mehr erreichen.

2015 holte er in seinem Rookie-Jahr in der Superstock1000*IDM mit dem Team Freudenberg Racing den beachtlichen 3. Gesamtrang. In der am härtesten umkämpften Klasse gelangen ihm 9 Podiumsplatzierungen in 16 Rennen. Fünf Mal stand er dabei ganz oben auf dem Podest! Mehr Siege konnte in der Saison nur der spätere Meister Mathieu Gines einfahren und Luky lag am Ende vor solch illustren Namen wie Marvin Fritz, Danny de Boer und Stefan Kerschbaumer.
Bei einem Wildcard-Einsatz mit Yamaha in der STK1000-EM fuhr er einen starken 6. Platz in Jerez ein. Selbst der Yamaha-Rennchef Andrea Dosoli zeigte sich beeindruckt von dem jungen Österreicher und sprach ihm die Qualität für die STK1000-EM zu, was für 2016 letztlich aber am nötigen Budget scheiterte.
Denn auch mit reichlich Talent gilt: Ohne „finanzielles Mitbringsel“ findet man – bis in die höchsten Klassen – keinen Platz auf einem Motorrad. Nahezu alle Teams erwarten eine Mitgift vom Fahrer, die er über eigene Sponsoren oder aus der eigenen Tasche finanzieren muss.

So blieb Trautmann auch 2016 in der IDM, um im Team Yamaha MGM von Michael Galinski den Sieg in der Superstock1000*IDM anzugehen. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Max Neukirchner bereits nach Rennen vier der Saison, erfolgte zum dritten Lauf auf dem Lausitzring dann aber sein „Aufstieg“ in die Superbike*IDM auf der SBK Yamaha YZF-R1M von Max. Nach Platz 5 bei seinem Debütrennen in der höchsten Klasse der IDM am Lausitzring folgten weitere 4. – 6. Plätze bei den nächsten drei Rennen, bevor ihm beim zweiten Rennen in Assen mit Platz 3 sein erster Podestplatz gelang. Auch bei den letzten vier Rennen der Saison 2016 ließ er sich dann die Podestplätze nicht mehr nehmen und erreichte – neben einem dritten und zwei zweiten Plätzen – beim gemeinsamen Event mit der World-SBK am Lausitzring seinen ersten Sieg in der Königsklasse der IDM.

Parallel dazu war Trauti 2016 mit dem Team 3ART Yam’Avenue in der Stock-Klasse der FIM EWC unterwegs, gewann die prestigeträchtigen 24h von Le Mans und konnte beim Saisonfinale in Oschersleben den Weltmeistertitel mit seinem Team einfahren.

Die Zeichen für einen weiteren Karriereschritt in 2017 waren also gesetzt und schon früh in der Winterpause war klar, dass Trauti für 2017 von Yamaha zum IDM Top-Team von Van Zon-Remeha-BMW wechseln würde. Daneben sollte er für Tecmas BMW das 24-Stunden-Rennen in Le Mans sowie den Bol d’Or in Le Castellet fahren und – da die IDM 2017 auf sich warten ließ – hatte auch noch beim polnischen BMW-Werksteam LRP Poland angedockt, für das er einige Läufe zur polnischen Superbike-Meisterschaft sowie die drei FIM-EWC Läufe in Oschersleben, auf dem Slovakiaring und in Suzuka bestreiten sollte. Die ersten Wintertests mit Van Zon und Tecmas waren durchaus vielversprechend und Trauti kam austrainiert wie noch nie aus der Winterpause zurück, Sixpack inklusive.

Doch dann kam alles anders…

Mit der Rückkehr von Markus Reiterberger aus der World-SBK in die IDM und zum Team Van Zon-Remeha-BMW, war Lukas Trautmann Anfang April offiziell seinen Platz im IDM Team los – der Vertrag wurde in beiderseitigem Einverständnis aufgelöst.
Das Team Tecmas BMW trat bei den 24h von Le Mans mit einem rein französischen Fahrertrio an.
Für das Team LRP Poland war Trauti zwar bei den 8h von Oschersleben am Start, legte aber nach einem ersten Crash am Donnerstag auch in seinem ersten Turn im Rennen einen heftigen Abflug hin, der die Maschine komplett zerstörte und damit zum Ausfall des Teams führte.
Seither war nichts mehr zu hören und zu sehen von Trauti – weder beim 2. Rennen des Teams in der EWC noch in der polnischen Superbike-Meisterschaft. Auf seinen Social Media Kanälen herrscht absolute Funkstille, was das Thema Rennsport angeht…

Ich habe Luky nach seiner Sicht der Dinge befragt und danke ihm sehr für die offenen Antworten!

Luky, in der Winterpause und Anfang 2017 sah alles nach einer tollen, interessanten und sehr, sehr arbeitsreichen Saison für Dich mit der neuen Marke BMW aus. Was ist passiert, dass Du weder bei Tecmas noch bei Van Zon und zuletzt auch nicht mehr bei LRP Poland zum Einsatz gekommen bist?

Leider hab ich die harten Seiten des Rennsports einmal kennen lernen müssen. Ich hab mir immer gedacht, dass es so etwas wie Menschlichkeit oder Zusammenhalt in diesem sehr komplexen und teuren Sport gibt. Aber ich bin jetzt eines Besseren belehrt worden.

In der Presse war zu lesen, dass Du – nach Deinem heftigen und sehr merkwürdig aussehenden Crash bei den 8h von Oschersleben – „lachend“ in die Box zurückgekehrt wärst. Das wundert natürlich, wenn man gerade das Einsatzmotorrad seines Langstreckenteams geschrottet hat. Kannst Du uns dazu etwas sagen bzw. das aufklären?

Wenn man vor lauter Frust & Ärger am liebsten im Erdboden versinken würde und die Emotionen mal mit einem durch gehen, ich am Ende lebend aus so einem Crash heraus gehe, finde ich – wenn schon keiner fragt ob was passiert ist oder ob es mir gut geht – dann muss ich leider lachen. Denn wir/ich riskieren in diesem Sport immer unsere Gesundheit, im schlimmsten Fall unser Leben. Und wenn man nicht mehr weinen kann, muss man leider lachen…

Wie geht es denn jetzt bei Dir weiter in 2017? Aus drei Teams und Einsätzen in IDM, EWC und polnischer Meisterschaft ist aktuell ein „Nichts“ geworden. Bist Du in Gesprächen / Verhandlungen mit anderen Teams und können wir und Deine Fans evtl. noch auf Wiedersehen in 2017 hoffen?

Im Moment will ich gar nicht fahren. Die ganze Sache hat mega an meinen Nerven, meinem Herz und an meiner Familie genagt. Ich muss mal alles sortieren, bevor ich jemals wieder fahre. Und es geht mir dabei nur – und auch zum ersten Mal – um mich und wie es mir dabei geht.

Wie sehen denn Deine Zukunftspläne nun aus? Diese Saison hat ja offensichtlich Spuren bei Dir hinterlassen – gerade auch, nachdem Du derart fit und motiviert gestartet bist und dann vieles, ohne Dein Zutun bzw. ohne Einfluss von Dir, so anders verlaufen ist…

Auf alle Fälle „anders“ nach so einer mega Vorbereitung, wo ich wirklichen sagen kann „Körper und Geist waren auf einem Level, welches für mein ‚Ziel‘ in einer Einzelwertung den Titel zu holen oder in die WSBK aufzusteigen, gut sein sollte“. Aber mal schauen… Ich brauche, wie gesagt, erst einmal ein wenig Zeit für mich. Der „Kasper vom Dienst“ bin ich sicher nimmer. Talent ist schön und gut, aber in Kombination mit Arbeit wird das Ganze erst richtig gut. Mein Körper braucht jetzt erst einmal ein bisschen Regeneration, und sobald das wieder hinhaut gibts Pläne für die Zukunft.

Danke Dir, Luky, für Deine offenen Antworten. Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg für Deine private wie sportliche Zukunft!

Riesen Dankeschön an alle, die mir immer noch so die Stange halten wie es sein sollte. Aber in Österreich ist es sehr sehr schwer, irgendwas zu bewegen im Rennsport – gerade als Einzelkämpfer.

Wie bereits geschrieben: Hier geht es nicht um Schuld oder Unschuld, um Böse oder Gut. Aber ich hoffe dieser Artikel zeigt euch, wie schnell man – auch als höchst talentierter Fahrer – im Rennsport „durch den Rost“ fallen kann bzw. mit Umständen umgehen muss, die auch jeden anderen von uns – gerade in jungen Jahren – aus der Bahn werfen können.

Da ich um diese Umstände weiß, zumindest einen kleinen Einblick auch „hinter die Kulissen“ habe, ärgert es mich immer um so mehr wenn „Fans“ dann Fahrer zerreissen oder gar schlecht reden, die ihre Qualitäten und Fähigkeiten längst durch mehrfache Siege oder Titel bewiesen haben. Lukas ist ein Beispiel, aber für mich gehören da auch die „Hater-Attacken“ auf einen Stefan Bradl und viele, viele andere Fahrer dazu.

Jeder, der den Schritt in die höchsten Klassen (und dazu zählt auch die IDM) geschafft hat, verdient Respekt für seine Leistungen. Auch ein Valentino Rossi musste bei Ducati 2011/12 durch ein langes und dunkles Tal, bevor er bei Yamaha wieder zu seiner jetzigen Größe aufstieg…

Über den Autor

Andreas Weinand

Kommunikationswirt & Fotograf mit einem Hang zu Pixelschubserei und Buchstabenverdrehung. Als Quelltextversteher auch für die Technik hier verantwortlich. Seit 2013 vermehrt im Paddock und an Strecken nationaler wie internationaler Rennserien als Motorsportfotograf anzutreffen.

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