IDM Supersport 600

Saisonauftakt am Nürburgring – War was? Wahr war’s!

Ok, mit den Wortspielen höre ich gleich wieder auf, denn „Kevin allein an der Spitze“ hat Kevin Wahr in seiner Rennfahrerlaufbahn sicherlich schon oft genug gehört und „Kann doch nicht Wahr sein?!“ dürfte als kurze Frage/Fluch auch höchstens Thomas Gradinger durch den Kopf geschossen sein, der sich über das ganze Wochenende als einziger wirklich mit dem letztjährigen WM-Piloten auf der Piste duellieren konnte.

Das diesjährige IDM Supersport 600 Feld ist klein aber fein. Wobei „klein“ natürlich immer auch relativ ist, denn die Klasse hat es – außer in der SSP-WM – mittlerweile fast überall schwer große Startfelder zu generieren. Selbst in der offiziellen FIM SSP EM fahren derzeit nur noch 7 (sieben!) Piloten um die Plätze, da mutet das IDM Startfeld mit immerhin 15 permanent eingeschriebenen Piloten schon fast wieder riesig an.

Fein ist es auf jeden Fall, denn neben dem ex WM-Piloten Kevin Wahr haben wir u.a. den letztjährigen Vizemeister der Klasse, Christian Stange wieder dabei, der sich bis zum Finale in Hockenheim einen ganz engen Kopf an Kopf Kampf mit dem späteren Meister Bryan Shouten lieferte. Dazu gesellen sich Thomas Gradinger, pfeilschneller Österreicher der auch schon bei seinen Gaststarts in der IDM im letzten Jahr Siege einfahren konnte, Max Enderlein als ehemaliger Red Bull Rookies Cup Fahrer, Jonas Geitner der 2015 noch mit dem Team Freudenberg in der Moto 3 unterwegs war, der schnelle Ungar Alen Györfi, der schon in der FIM Superstock 1000 EM gestartet ist und die Rubin-Brüder Daniel & Dominik sowie Manou Antweiler, die sich alle ihre Rennhärte im Yamaha R6 Cup geholt haben. Komplettiert wird das Feld mit Vasco van der Valk (NED), Janusch Prokop (GER), Toni Thurmayer (GER), Arne de Wintere (BEL) und Colin Rossi (SUI), der letztes Jahr noch auf der Wilbers BMW in der IDM Superstock 1000 unterwegs war.
Als Gaststarter war am Nürburgring noch Jan Schmidt mit in der Startaufstellung.

Also mit 16 „jungen Wilden“ ein doch sehr ansehnliches Feld in der Klasse, die für ihre sprichwörtlich „hautnahen“ Fights und äußerst engen Manöver mit ein wenig „Lackaustausch“ bekannt und berüchtigt ist.

In den freien Trainings zeichnete sich schon ab, dass die neue YZF-R6, die für die Supersport 600 Piloten so gerade eben noch rechtzeitig angeliefert werden konnte, im Straßentrimm zwar marginal an Leistung gegenüber dem 2016er Modelljahr verloren hat, sie aber im Renntrimm, wo Euro 4 glücklicherweise keine Rolle spielt, eine noch genauso scharfe Waffe ist wie schon in 2016. Die vordersten drei Plätze gehörten jedenfalls durchgängig Thomas Gradinger, Kevin Wahr und Max Enderlein – alle auf Yamaha YZF-R6.

Lediglich im Qualifying konnte Jonas Geitner seine ZX-6R auf den 4. Platz stellen – in den freien Trainings bildete er zusammen mit Christian Stange auf den Plätzen 6 und 7 noch die Kawasaki-Speerspitze im Feld. Andere Marken sucht man in der Klasse leider vergeblich. Hier wäre es natürlich schön, wenn der IVM bzw. die AG Motorsport und das Motorrad action-Team als neue Promoter & Ausrichter ggf. auch etwas über ihren Schatten springen würden und z.B. „Exoten“ wie MV Agusta oder Triumph noch den Zugang erleichtern könnten – ohne den sicherlich nicht unerheblichen Pool-Beitrag, der sich für die Hersteller oder Importeure bei nur 1-2 Startern einfach nicht rechnet. Aber etwas Markenvielfalt könnte die IDM Supersport 600 dann doch auch mehr vom R6-Cup abheben – was aktuell mit nur 4 Kawasakis nicht wirklich gegeben ist. Und im IVM selber sind ja alle Motorrad-Importeure in Deutschland vertreten…

Die beiden Rennen – verteilt auf Samstag und Sonntag – sind eigentlich relativ schnell erzählt: Gradinger & Wahr setzten sich stets schnell und auch mehr oder weniger deutlich vom Rest des Feldes ab und bildeten die einsame Doppelspitze. Sie konnten von der ersten Runde an tiefe 1:29er Zeiten fahren, selbst die ein oder andere hohe 28er Runde war dabei. Dahinter bildeten sich in beiden Rennen die Grüppchen bzw. „Züge“, die sich ebenfalls nur im Zehntelbereich in ihren Rundenzeiten unterschieden, aber zu Gruppen mit 1:30, 1:31 und 1:32 ihre eigenen kleinen Rennen ausfuhren.

Rennen 1

In Rennen 1 attackierte Kevin Wahr den führenden Thomas Gradinger in Runde 8 von 16. Beim anschließenden Versuch des Konters in Runde 10 übertrieb der Österreicher es dann etwas und landete im Kies. Damit war der Weg zum Sieg frei für Wahr während sich hinter ihm die erste Vierergruppe um Marc Buchner, Alen Györfi, Max Enderlein und Vasco van der Valk um die letzten beiden Podiumplätze ein Wechselspiel der Positionen lieferte. Am Ende konnten sich Enderlein (2.) und Györfi (3.) die beiden Pokale sichern, Buchner landete auf P4 und van der Valk kam auf P5 ins Ziel. Dahinter folgte noch Marc Buchner auf P6 und mit Janusch Prokop auf P7 die beste Kawasaki. Ausgeschieden waren zu dem Zeitpunkt bereits Jonas Geitner und Toni Thurmayer.

Rennen 2

Rennen 2 am Sonntag entwickelte sich dann quasi zu einer Kopie vom Samstag. Start und Gradinger & Wahr setzten sich an die Spitze, wenn auch mit deutlich weniger Abstand als noch am Sonntag. Dieses Mal allerdings „genoss“ Wahr den Anblick von Gradingers Hinterrad bis zur letzten Runde – entweder um seinen Konkurrenten für die nächsten Rennen perfekt zu studieren oder – eher unwahrscheinlich – um ihn vor einem weiteren Sturz ob zu hoher Motivation zu schützen. 😉 Auf jeden Fall kam in der letzten und 16. Runde die oben zu findende Frage / Fluch ganz sicher kurz ins Hirn von Gradinger, als Wahr sich in einem sauberen Manöver an die Spitze setzte und diese auch nicht mehr her gab. Gradinger stand dafür als Zweiter mit auf dem Podest, Max Enderlein konnte seine Position als „Best of the Rest“ verteidigen und wurde in Rennen 2 dann 3. Manou Antweiler mischte dieses Mal auch in der ersten Verfolgergruppe mit und konnte sich P4 sichern, vor Marc Buchner (P5) und dem erneut starken Vasco van der Valk, der auf P6 die Linie überquerte. Bester Kawasaki-Pilot wurde wieder Janusch Prokop, dieses Mal auf P8 und hinter Daniel Rubin.

Erneut nicht ins Ziel kamen Jonas Geitner sowie Toni Thurmayer – ein schwarzes Wochenende für die zwei. Dazu gesellten sich auch noch Jan Schmidt und Dominik Rubin auf die DNF-Liste. Alle Fahrer sind aber – meines Wissens nach – wohl auf. Und das ist ja bekanntlich das Wichtigste.

Mein persönlicher Mitfavorit Christian Stange hatte auch ein eher suboptimales Wochenende. Im letzten Jahr am Nürburgring noch mit P2 und P3 auf dem Podest gestanden, konnte er auf seiner ZX-6R nicht annähernd die Performance zeigen und Zeiten fahren, die ihm 2016 an gleicher Stelle und mit gleichem Team / Motorrad noch gelungen waren. Ansonsten hätte er wohl problemlos mit um die Podiumplätze fahren können – denn bei den Zeiten hat sich zu 2016 nicht viel getan, sie lagen auf nahezu identischem Niveau.

Der Grund hierfür lag in einer Verletzung seiner linken Hand, die er sich beim Supermoto-Training im Vorfeld des IDM Saisonauftaktes zugezogen hatte. So kam er angeschlagen zum Nürburgring und hatte das ganze Wochenende über mit Schmerzen zu kämpfen. «Ich muss versuchen, das Beste draus zu machen», erklärte er vor dem Start ins erste Rennen. «Die Schmerzen in der linken Hand machen sich vor allem beim Anbremsen bemerkbar. Das erschwert das Ganze natürlich.»

Die 7 Wochen Pause bis zum zweiten Lauf der IDM vom 7.-9. Juli auf dem belgischen Circuit Zolder dürften ihm daher sehr gelegen kommen. Das er von seiner Rennpace her mit Kevin Wahr mithalten kann, hat er bereits im letzten Jahr mehrfach unter Beweis gestellt.

Für die Statistiker:

Über den Autor

Andreas Weinand

Kommunikationswirt & Fotograf mit einem Hang zu Pixelschubserei und Buchstabenverdrehung. Als Quelltextversteher auch für die Technik hier verantwortlich. Seit 2013 vermehrt im Paddock und an Strecken nationaler wie internationaler Rennserien als Motorsportfotograf anzutreffen.

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